Milliarden-Akquisitionen

Die Deals des Jahres 2021

23.12.2021
Von 
Martin Bayer ist Chefredakteur von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO. Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP.
Oracle und Microsoft haben sich für viel Geld in den Healthcare-Sektor eingekauft. Aber auch sonst gab es 2021 etliche Milliarden-Deals in den globalen ITK-Szene.
Ein Big-Deal folgte auf den anderen im Jahr 2021. Die weltweite ITK-Branche kam kaum zur Ruhe.
Ein Big-Deal folgte auf den anderen im Jahr 2021. Die weltweite ITK-Branche kam kaum zur Ruhe.
Foto: studiostoks - shutterstock.com

Auch 2021 saß das Geld bei vielen IT-Anbietern locker. Etliche Milliarden-Deals sorgten für Schlagzeilen. Neben technischen und funktionalen Erweiterungen des eigenen Portfolios ging es dabei auch darum, sich in neue Märkte einzukaufen.

Letzteres veranlasste Oracle, Cerner zu übernehmen. Der Datenbankspezialist sorgte kurz vor Weihnachten mit der Ankündigung, den US-amerikanischen IT-Healthcare-Spezialisten für 28,3 Milliarden Dollar kaufen zu wollen, für einen Paukenschlag. Das ist der mit Abstand größte Deal des Jahres und auch die größte Übernahme in Oracles Firmengeschichte. Lediglich der ERP-Anbieter Peoplesoft war Oracle mit 10,3 Milliarden Dollar im Jahr 2005 ebenfalls einen zweistelligen Milliarden-Betrag wert.

"Gemeinsam sind Cerner und Oracle in der Lage, das Gesundheitswesen zu transformieren", sagte Larry Ellison, Gründer, Chairman und Chief Technology Officer von Oracle. Die chronisch überlasteten Fachkräfte sollen bessere Informationen sowie benutzerfreundliche digitale Tools an die Hand bekommen. Der Manager versprach eine neue Generation von medizinischen Informationssystemen, um die administrative Arbeitsbelastung zu verringern. Oracle will die Cerner-Software in die eigene Cloud hieven, um so das Healthcare-Geschäft weltweit besser skalieren zu können.

Larry Ellison, der 77-jährige Gründer und CTO von Oracle, will mit dem Kauf von Cerner das Gesundheitswesen transformieren.
Larry Ellison, der 77-jährige Gründer und CTO von Oracle, will mit dem Kauf von Cerner das Gesundheitswesen transformieren.
Foto: Oracle

Lukrativer Healthcare-Sektor

Aber auch andere Unternehmen haben Ambitionen im lukrativen Gesundheitssektor. Für fast 20 Milliarden Dollar schluckte Microsoft im April den Spracherkennungs- und KI-Spezialisten Nuance, der sich in den vergangenen Jahren zunehmend auf den Healthcare-Sektor konzentriert hatte. Für Microsoft ist es die zweitgrößte Übernahme der Firmengeschichte - nach der Akquisition von LinkedIn für 26,2 Milliarden Dollar im Juni 2016.

Mit dem Kauf erwirbt Microsoft nicht nur Know-how im Geschäft mit Spracherkennungs-Lösungen, sondern verbessert auch sein Standing im Healthcare-Bereich. Der weltgrößte Softwarekonzern hatte erst im vergangenen Jahr die Cloud for Healthcare vorgestellt, ein auf die Anforderungen im Gesundheitssektor zugeschnittenes Software-Portfolio aus der Azure-Cloud. Dies soll nun offenbar um die Nuance-Lösungen ergänzt werden.

Neben diesen beiden Deals, gab es 2021 eine ganze Reihe weiterer Milliarden-Geschäfte:

  • Ericsson gab Ende November bekannt, Vonage, einen Anbieter von Cloud-basierten VoIP-Telefoniesystemen, für 6,2 Milliarden Dollar inklusive Schulden übernehmen zu wollen.

  • SAP übernahm Anfang 2021 den Berliner Process-Mining-Spezialisten Signavio. Ein Preis wurde offiziell nicht genannt. Insider sprachen von rund einer Milliarde Euro.

  • Qualcomm investierte 1,4 Milliarden Dollar in Nuvia. Das Unternehmen arbeitet an ARM-basierten CPUs, die extrem effizient arbeiten sollen. Qualcomm will diese Expertise für eigene SoC-Designs nutzen.

  • Der japanische Halbleiterkonzern Renesas übernahm den britisch-deutschen Chip-Hersteller Dialog Semiconductor für insgesamt knapp 4,9 Milliarden Euro.

  • Amazon kaufte das prestigeträchtige Hollywoodstudio MGM für 8,45 Milliarden Dollar. MGM war seit Dezember 2020 auf der Suche nach einem möglichen Käufer. Das Programm umfasst 4.000 Kinofilme sowie 17.000 TV-Serien.

  • Der Softwarekonzern Intuit erwarb für 12 Milliarden Dollar das E-Mail-Marketing-Unternehmen Mailchimp.

  • Nortonlifelock übernahm den tschechischen Konkurrenten für Antivirensoftware Avast. Der Kaufpreis betrug 8,6 Milliarden US-Dollar.

  • Zendesk übernimmt für fast vier Milliarden Dollar in Aktien Momentive Global, den Eigentümer der Surveymonkey-Plattform.

Investoren machen viel Geld für ITK-Anbieter locker

Vor allem Private-Equity-Firmen machten 2021 mit großen Deals von sich reden. Beliebte Kaufobjekte waren Security-Anbieter. McAfee veräußerte seine Geschäftskundensparte für rund vier Milliarden Dollar an ein von der Symphony Technology Group geführtes Konsortium. Die Gruppe schluckte auch den Security-Anbieter Fireeye für 1,2 Milliarden Dollar. Den Rest von McAfee übernahm Ende 2021 Advent Interna­tional für 14 Milliarden Dollar.

Aber auch andere Firmen aus dem ITK-Sektor waren für die Investorengesellschaften interessant. KKR aus den USA gab im November bekannt, Telecom Italia (TIM) übernehmen zu wollen. Das Angebot von 0,505 Euro pro Aktie bedeutet einen Aufschlag von 45 Prozent. Damit wird TIM mit 10,7 Milliarden Euro bewertet. Die Nettoverschuldung beträgt zusätzlich rund 22,5 Milliarden Euro.

Sanjay Brahmawar, CEO der Software AG, öffnet die Türen für die Investoren von Silver Lake.
Sanjay Brahmawar, CEO der Software AG, öffnet die Türen für die Investoren von Silver Lake.
Foto: Software AG

Hierzulande investiert die Investment-Gesellschaft Silver Lake 344 Millionen Euro in die Software AG und übernimmt den Aufsichtsratsvorsitz, aus dem sich der Sprecher und langjährige CEO Karl-Heinz Streibich zurückzieht. Der deutsche Softwarehersteller hofft so, mit seinen Cloud-Angeboten schneller zu expandieren und vor allem in Nordamerika in größeren Schritten voranzukommen - auch durch Unternehmensbeteiligungen und Übernahmen.

Gescheiterte Deals

Gescheitert ist dagegen der Versuch von Zoom Video Communications, den Cloud-Anbieter Five9 für 14,7 Milliarden Dollar zu kaufen. Five9 erklärte, dass der Vertrag nicht genügend Stimmen von den Aktionären erhalten habe und der Fusionsplan "im gegenseitigen Einvernehmen beendet" werde. Aber auch Untersuchungen der Justizbehörden sollen eine Rolle gespielt haben.

Auch die Verhandlungen zwischen Broadcom und SAS über einen Verkauf des Analytics-Pioniers verliefen ergebnislos. Laut den SAS-Mitbegründern Jim Goodnight (78) und John Sall (73) passe die eigene Unternehmenskultur nicht zum effizienzorientierten Broadcom. Der Chiphersteller wollte angeblich 15 bis 20 Milliarden Dollar bieten.

SAS-Mitbegründer Jim Goodnight kann sich nicht von seinem Unternehmen trennen.
SAS-Mitbegründer Jim Goodnight kann sich nicht von seinem Unternehmen trennen.
Foto: SAS

Ende November wiesen britische Wettbewerbshüter den Facebook-Konzern Meta an, die im Jahr 2020 übernommene Gif-Plattform Giphy wieder zu verkaufen. Der Zusammenschluss schwäche den Wettbewerb zwischen Online-Diensten in Großbritannien, stellte die Kartellbehörde CMA (Competition and Markets Authority) fest. Meta will Widerspruch gegen diese Entscheidung einlegen.

Unruhige Zeiten bei der Deutschen Telekom

Einige Unruhe gab es 2021 rund um die Telekom. Im September verkaufte der Konzern T-Mobile Netherlands für 5,1 Milliarden Euro an ein Konsortium aus den Investmentkonzernen Apax und Warburg Pincus. Gleichzeitig erhöhte die Telekom ihren Anteil an T-Mobile US.

Im November berichtete das "Manager Magazin", die Telekom plane den Verkauf von T-Systems. Demzufolge werde seit Monaten an einem "Befreiungsschlag" gearbeitet. Der amerikanische T-Systems-Chef Adel Al-Saleh, seit 2018 mit dem Umbau des Konzerns betraut, müsse in einem Konzern aufräumen, der seit Jahren wie ein "schwarzes Loch" Geld und Talent verschlinge. Gemeinsam mit Telekom-Vorstand Tim Höttges bereite Al-Saleh nun im "Projekt Eagle" den Verkauf vor. Der Telekom-Chef könne für seine weltweiten Expansionspläne keinen Ballast gebrauchen. T-Systems hatte 2020 bei 4,2 Milliarden Euro Umsatz ein operatives Minus von 650 Millionen Euro verzeichnet, und auch 2021 scheint keine Trendwende geglückt zu sein.