KI in Windows 12

Der Urknall, der keiner war?

Kommentar  09.02.2023
Von 
Preston Gralla ist Redakteur bei Computerworld, Blogger bei ITworld und Autor von mehr als 45 Büchern, darunter "NOOK Tablet:The Missing Manual" (O'Reilly 2012) und "How the Internet Works" (Que, 2006).
Microsoft verspricht, dass Künstliche Intelligenz die Funktionsweise von Windows schon bald radikal verändern wird. Es stellt sich die Frage, ob das realistisch ist.
Entsteht mit Windows 12 der neue heilige Betriebssystem-KI-Gral? Unser Autor geht nicht davon aus.
Entsteht mit Windows 12 der neue heilige Betriebssystem-KI-Gral? Unser Autor geht nicht davon aus.
Foto: local_doctor - shutterstock.com

Microsoft hat sich voll und ganz der künstlichen Intelligenz (KI) verschrieben - und das erst vor kurzem durch ein zehn Milliarden Dollar schweres Investment in das Startup OpenAI untermauert. Das dürfte allerdings nur ein erster Schritt sein. Es ist zu erwarten, dass noch viele weitere Milliarden folgen werden.

Das hat auch einen guten Grund: KI soll Microsoft Milliardeneinnahmen bescheren - insbesondere im Cloud-Geschäft: Die Azure OpenAI Services sind inzwischen (eingeschränkt) öffentlich verfügbar. Sie ermöglichen Unternehmen, KI zu nutzen, ohne dafür eine eigene Infrastruktur aufbauen zu müssen. An der Suchmaschinenfront will Microsoft künftig Google mit der Integration von ChatGPT in Bing das Wasser abgraben - und Office-Nutzer beziehungsweise deren Produktivität soll künftig ebenfalls von KI beziehunsgweise ChatGPT profitieren.

Der KI-Hypecycle

Dabei sollte nicht aus dem Blickfeld geraten, dass wir uns aktuell auf dem Höhepunkt des KI-Hypes befinden, also dem Punkt im Lebenszyklus einer neuen Technologie, an dem die Prognosen wahnwitzig, aber nur wenige Vorteile wirklich klar und die Umsätze gering sind. Also traditionell die Zeit, in der Technologieunternehmen das Blaue vom Himmel versprechen, ohne es mit harten Fakten zu untermauern. Deswegen begnügen sich die Redmonder auch nicht damit, Prognosen darüber abzugeben, wie KI die Cloud, die Internetsuche oder Produktivitätstools revolutionieren wird. Der Konzern prahlt auch mit künstlicher Intelligenz, wenn es um das in der Entwicklung befindliche Windows 12 geht.

Microsofts Chief Product Officer Panos Panay sprach Anfang Januar 2023 auf der CES von "mächtigen" und "reizvollen" generativen Sprach-, Code-Generierungs- und Bildmodellen, die ein Betriebssystem erforderten, das die Grenze zwischen Cloud und Edge verwischt. "Das ist es, was wir gerade tun", sagte der Manager und gab ein (einziges) Beispiel dafür, was die ganze KI-Zauberei in Windows 12 bewirken könnte: "Zoom-Meetings würden besser werden, weil die KI bessere Hintergründe bereitstellen und den Eindruck erwecken würde, dass die Augen direkt in die Kamera schauen, auch wenn sie zur Seite wandern."

Mal ganz abgesehen davon, dass es etwas merkwürdig anmutet, KI-Modelle als reizvoll zu bezeichnen - zehn Milliarden Dollar für hübschere Zoom-Meetings? Wohl kaum. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Microsoft in seinen Labs an weitaus beeindruckenderen Dingen tüftelt. Ob diese es allerdings in Windows 12 schaffen, steht in den Sternen.

KI-Chips für Windows 12

Microsoft hat noch keine Details dazu veröffentlicht, inwieweit KI in Windows 12 integriert werden soll. Aber es gibt erste Hinweise auf einen möglichen Fahrplan:

  • Chip-Hersteller produzieren und veröffentlichen derzeit PC-Chips, die spezielle Hardware für KI enthalten. AMD hat mit der Ryzen-7040-Serie die ersten dieser Chips veröffentlicht. Die Vorstellung der KI-Chips erfolgte auf der CES 2023 im Rahmen einer Pressekonferenz. Zu diesem Anlass verfiel auch Panos Panay (wie oben zitiert) in KI-Modellschwärmerei.

  • Teile von Windows nutzen bereits KI, die von der Systemverwaltung über die Suche, Spracherkennung und Grammatikkorrektur bis hin zur Rauschunterdrückung und Kamerabildverarbeitung reicht. Ein Teil dieser KI-Verarbeitung wird in der Regel in die Cloud ausgelagert, ein anderer kann auf dem Grafik- oder dem Hauptprozessor ausgeführt werden. Mit integrierter KI-spezifischer Hardware könnte die Verarbeitung direkt auf dem Rechner erfolgen.

Theoretisch sollte das zu Vorteilen führen, auch wenn bislang nicht ganz klar ist, worin die sich konkret manifestieren sollen. Analysten verweisen auf eine verbesserte Suchfunktion und Bildverarbeitung. "Wer weiß, vielleicht feiert Cortana ein Comeback", kommentiert Stephen Kleynhans, Vice President Research bei Gartner und fügt zu: "Dazu kann ich nur sagen: Sei vorsichtig, was du dir wünschst - es könnte in Erfüllung gehen."

Laut Panay sollen die neuen Chips mit KI-Prozessoren, wie die von AMD, den Weg für ein KI-gestütztes Windows 12 ebnen. Das klingt in der Theorie zwar gut, ist in der Praxis aber äußerst problematisch, weil Windows auf einer Vielzahl von Chips und Hardware funktionieren muss. Das ist eine der größ´ten Stärken und gleichzeitig Schwächen von Windows:

  • Es ermöglicht den Herstellern, sowohl preiswerte Barebone-Laptops und -Desktops als auch Mittelklasse-Devices und leistungsstarke Spitzengeräte anzubieten. Die Verbraucher haben die größte Auswahl mit einem weitreichenden Preisgefüge.

  • Wenn es um die Integration von KI in Windows (12) geht, wird das jedoch unter Umständen die Möglichkeiten stark einschränken und dafür sorgen, dass echte, spürbare KI-Vorteile für die Nutzer in der Praxis ausbleiben.

Was Windows 12 bringen könnte

Microsoft stehen bei Windows 12 meiner Einschätzung nach nun zwei Wege offen:

  • Entweder, man entwickelt Windows 12 für den kleinsten gemeinsamen Nenner - also Computer, die keine leistungsstarken KI-Prozessoren an Bord haben. Das würde aller Voraussicht nach bedeuten, dass Microsoft keine umwälzende KI-Erfahrung liefern kann.

  • Oder der Konzern entscheidet sich dazu, unterschiedliche Windows-12-Versionen mit verschiedenen Hardwareanforderungen zu entwickeln. Diejenigen, die über leistungsstarke Prozessoren verfügen, würden die KI-Version von Windows 12 erhalten. Alle anderen eine abgespeckte Version.

An letztgenanntem Ansatz hat sich Microsoft einst mit Windows Vista schon einmal versucht. Leider war das ein lupenreines Desaster. Ich bin davon überzeugt, dass Microsoft daraus gelernt hat und nicht mehrere Windows-Versionen für verschiedene Arten von PCs entwickeln wird. Meiner Meinung nach wird es auf den kleinsten gemeinsamen Nenner hinauslaufen - die große KI-Revolution dürfte Windows 12 also nicht bringen.

Es besteht kein Zweifel daran, dass künstliche Intelligenz bei vielen Tasks (insbesondere hinter den Kulissen) unterstützen und optimieren kann - selbst, wenn kein KI-spezifischer Prozessor an Bord ist. Microsoft muss jedoch erst einmal herausfinden, was KI abgesehen von schöneren Zoom-Meetings leisten kann. Und die neue Hardware muss sich erst einmal verkaufen, bevor die Redmonder ein vollwertiges KI-Windows auf die Beine stellen können, das dem aktuellen Hype gerecht wird. (fm)

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel unserer US-Schwesterpublikation Computerworld.