Baustoffhändler Stark

Wie CIO Dirk Scheffler den Carve-out stemmt

20.08.2021
Von 
Horst Ellermann ist Herausgeber des CIO-Magazins und Ambassador für CIOmove in Deutschland.
Weil der Baustoffhändler Stark aus dem französischen Saint-Gobain-Konzern ausgegliedert wurde, musste CIO Dirk Scheffler die IT komplett neu aufsetzen.
Der Rollout von 4.500 Clients an 220 Standorten gehörte zu den größeren Herausforderungen, die Stark-CIO Dirk Scheffler im Zuge des Carve-outs meistern musste.
Der Rollout von 4.500 Clients an 220 Standorten gehörte zu den größeren Herausforderungen, die Stark-CIO Dirk Scheffler im Zuge des Carve-outs meistern musste.
Foto: Stark Deutschland

Dachlatten kauft man am besten bei… Dirk Scheffler. Der CIO von Stark Deutschland ist einer der letzten, der noch Zugang zur begehrten Ware hat. Stark ist die Dachmarke von elf Baustoff-Händlern und Marken, darunter Raab Karcher, Keramundo und Muffenrohr. Mehr als 5.000 Mitarbeiter erzielen in Deutschland zwei Milliarden Euro Umsatz. Wenn das Kartellamt zustimmt, kommen dieses Jahr mit dem Dach-Spezialisten Melle Gallhöfer noch mehr als 300 Millionen Umsatz dazu. "Wer im Augenblick am Bau kein Geld verdient, macht etwas grundsätzlich falsch", sagt Scheffler.

Umso erstaunlicher, dass der französiche Mutterkonzern Saint-Gobain, Scheffler und Kollegen 2019 für "nur" 335 Millionen Euro verkauft hat. Damals hieß Stark Deutschland noch "Saint-Gobain Building Distribution", verkaufte auch schon fleißig, passte aber nicht mehr in die Wachstumsstrategie des Industriekonzerns, dessen neue CDIO seit März übrigens Ursula Soritsch-Renier heißt (Ex-CIO von Nokia und Sulzer). Von Saint-Gobain nicht mehr gewollt zu werden - "das war für uns zunächst ein Schock", erinnert sich Scheffler, der bei den Franzosen im Mai 2000 seinen Vertrag unterschrieben hatte. Erholt hat er sich vom Schock jedoch schnell, damals im Herbst 2018.

IT-Carve-out in drei Phasen

Irgendwie ahnten er und seine ITler, dass kein Konkurrent allein in der Lage sein würde, ihre Firma zu kaufen - und in ein eigenes IT-System zu integrieren. Insgesamt sei in der Baubranche niemand dafür bekannt, besonders ausgefeilte IT-Systeme zu pflegen, die sich für einen Merger mit einem derart großen Mitbewerber eignen würden. Scheffler ließ deshalb Berater der Firma Intargia - heute Teil der Valantic Gruppe - eine "Stand-alone-Strategie" ausarbeiten. Damit nahm er den Verkäufern vorweg, dass es bei der IT wohl auf einen Carve-Out und nicht auf eine Integration in fremde Systeme hinauslaufen würde. Intargia gliederte den Prozess in drei Phasen:

Phase 1: Die Planung(September 2018 bis September 2019)Mit Bekanntgabe der Verkaufsabsichten teilte das Management von Saint-Gobain mit, dass man den Baustoff-Händler gerne innerhalb von zehn bis maximal zwölf Monaten außerhalb des Konzerns sähe. "Ziemlich sportlich", betont Scheffler, der seine Applikationen bis dato in den Saint-Gobain-Rechenzentren in Montpellier und bei Paris gut aufgehoben sah. Die Vorbereitung auf den eigentlichen Carve-Out gestaltete sich für ihn deshalb stressig: "Wir hatten gar nicht die Kapazitäten, um so ein Projekt alleine zu stemmen und die nötigen Dienstleister auszuwählen und zu steuern", erinnert sich Scheffler. Erst im Mai 2019 stand nach intensiver Beratung die Ziel-Architektur. Dann startete die Provider-Auswahl. Im September 2019 standen schließlich alle zukünftigen Dienstleister fest.

Phase 2: Der Carve-Out (Oktober 2019 bis August 2020)Umziehen ist schwierig, insbesondere wenn Diebe gucken, ob vielleicht Kisten vom Umzugswagen kippen. Saint-Gobain war 2017 Opfer der NotPetya-Cyber-Attacke und hat im Nachgang seine Cyber-Defense-Aktivitäten stark intensiviert. "Das hat nachgewirkt", sagt Scheffler. Skepsis schlug allen Fremden - also auch den neuen Dienstleistern - entgegen: "Wir hatten beim Carve-Out wenig Zugriffsrechte. Das war neben der Pandemie die größte Herausforderung", resümiert der CIO. Und allein Corona hätte gereicht, das Projekt aus der Zeit laufen zu lassen.

Applikationen in neue Rechenzentren umziehen, geht eigentlich einfach. "Das SAP von Montpellier rüberzuziehen, hat nicht weh getan, weder finanziell noch sonst", sagt Scheffler: "Pfingsten 2019 war das rum." Stark hat sich beim SAP-Hosting für den kleinen Dienstleister FIS entschieden. "Der passt gut zu uns", sagt der CIO: "Wir verstehen uns immer noch als großer Mittelständler." Auch die anderen Applikationsserver, der zentrale File-Server und andere, vorher noch nicht zentralisierte Server waren schnell verräumt. Viel schwieriger wurde Phase 2 ab Mai 2020.

Den Client-Rollout nennt Scheffler die größte Aufgabe. Drei Teams haben 220 Standorte abgefahren und 4.500 Clients neu aufgesetzt. Bei Stark haben alle Mitarbeiter bis auf wenige Fahrer und Lagerarbeiter eigene Rechner. "Die meisten konnten wir von Saint-Gobain kaufen, nur 1.200 Rechner sind neu dazugekommen", sagt der CIO. Bestehende Leasing-Verträge der Stark-Gruppe hätten ihm dabei geholfen: "Minimum hätten wir 600 neue Geräte gebraucht, um die ganz alten Möhren auszutauschen." Scheffler ist froh, durch die bestehenden Verträge noch am ganz großen Run auf neue Rechner infolge der Pandemie vorbeigeschrammt zu sein: "Jetzt neue Geräte zu kriegen, ist deutlich schwieriger."

Die Applikations- und die Client-Migration habe das Team an die Grenze gebracht, sagt Scheffler: "Das ging nur mit ganz vielen Wochenendschichten." Am Ende hat es schließlich doch noch geklappt. Statt der vorgeschriebenen zwölf Monate ist die IT mit elf Monaten ausgekommen. "Ohne Corona wären wir auch noch einen Monat schneller gewesen", meint Scheffler.

Phase 3: Nachbereitung(September 2020 bis März 2021) Natürlich läuft nicht alles rund, wenn die IT für 4500 Clients neu aufgesetzt wird. Eine Taskforce kümmert sich seit September letzten Jahres um die erhöhte Ticketzahl im User-Support. Auch an der Cybersecurity lässt Scheffler noch nachschleifen. Endpoint Detection and Response (EDR) und Endpoint Protection Plattforms (EEP) sollen im Verbund mit Security Information & Event Management (SIEM) besser gegen Malware schützen. Alles zusammen soll in das Cyber Defense Center der Stark Gruppe integriert werden.

Die Stark Deutschland GmbH agiert nicht vollkommen selbständig, sondern gehört zur Stark Group in Kopenhagen, die in den nordischen Ländern ungefähr die gleiche Größe wie die deutsche GmbH hat. Die Gruppe gibt außer bei IT Security und Office365 allerdings kaum Richtlinien in puncto IT vor. Stark Group, inklusive der deutschen GmbH, haben im Mai noch einmal den Investor gewechselt. Von 2019 bis 2021 gehörte alles dem Private-Equity-Unternehmen Lone Star. Nach der Genehmigung durch die EU-Wettbewerbsbehörden ist jetzt CVC am Ruder. Über den Kaufpreis ist Stillschweigen vereinbart worden. Vermutlich hat CVC deutlich mehr auf den Tisch gelegt als Lone Star 2019.

Stark Deutschland kann sich inzwischen wieder um Zukunftsthemen kümmern: Nachhaltige Baustoffe werden gefördert. "Besonders beim Holz sind die Skandinavier da hinterher", sagt Scheffler. Alle Filialen in Deutschland laufen inzwischen auf Ökostrom. Weitere Akquisitionen sind geplant. Und in der IT: 100.000 Artikel sind jetzt schon über die neue E-Commerce-Plattform auf Basis von SAP Commerce verfügbar. On- und Offline läuft alles über ein Warenwirtschaftssystem. Einen SAP-Release-Wechsel mit Umstellung auf S4/HANA will Scheffler bis Ende des Jahres durchführen.

Ob es ihn mit Häme erfülle, dass Saint-Gobain sein Unternehmen 2018 verstoßen habe, inzwischen selbst andere Firmen akquirieren könne und von Investoren umworben wird? "Häme nicht", sagt der CIO, "eher Stolz".

Stark Deutschland GmbH

Die STARK Deutschland GmbH ist ein Baustoff-Fachhändler in Deutschland. In über 220 Niederlassungen erwirtschaften mehr als 5.000 Mitarbeiter einen Jahresumsatz von rrund 2,1 Milliarden Euro. STARK Deutschland verfügt über ein Netzwerk von elf erfolgreichen Marken, darunter Generalisten wie Raab Karcher und Spezialisten wie KERAMUNDO und Muffenrohr. STARK Deutschland ist Teil der internationalen STARK Group, mit Sitz in Kopenhagen.

Die STARK Group, mit Sitz in Kopenhagen, ist ein führender Baustoff-Fachhändler in Nordeuropa und in sechs Ländern vertreten: Dänemark, Schweden, Finnland, Norwegen, Grönland und Deutschland. Die STARK Gruppe ist international aufgestellt und zugleich lokal ausgerichtet. Mehr als 10.000 Mitarbeiter engagieren sich in über 400 Baustoff-Fachmärkten, um ihre Kunden mit Produkten und Dienstleistungen rund um Bau und Wohnumfeld zu unterstützen.