Was ist ein Citizen Developer?

24.01.2023
Von 
Reza Etemadian ist CEO und Gründer der Simplifier AG.
Citizen Developer nehmen bei der digitalen Transformation von Unternehmen eine wichtige Rolle ein. Was man darunter versteht, lesen Sie hier.
Mit den richtigen Tools können Anwender aus dem jeweiligen Fachbereich, sogenannte Citizen Developer, selbst die benötigten Anwendungen entwickeln.
Mit den richtigen Tools können Anwender aus dem jeweiligen Fachbereich, sogenannte Citizen Developer, selbst die benötigten Anwendungen entwickeln.
Foto: NDAB Creativity - shutterstock.com

Um manuelle, papiergebundene Prozesse abzulösen und so die digitale Transformation voranzutreiben, benötigen Unternehmen eine Vielzahl von Anwendungen. Die IT-Abteilung steht dabei unter dem zunehmenden Druck, schnell auf zahlreiche Applikationswünsche und sich ändernde Anforderungen reagieren zu müssen. Sind die Kapazitäten professioneller Softwareentwickler knapp, können sogenannte Citizen Developer unterstützen.

Citizen Developer - Definition

Citizen Developer bedeutet so viel wie "Fachbereichsentwickler" und beschreibt technisch versierte Mitarbeiter, die softwarebasierte Anwendungen für ihren jeweiligen Fachbereich erstellen. Zu diesem Zweck wird ihnen von der Unternehmens-IT eine standardisierte Entwicklungsumgebung bereitgestellt - Low-Code-Plattformen fallen hier oftmals in die engere Wahl.

Im Gegensatz zu professionellen Softwareentwicklern verfügen Citizen Developer über keine speziellen IT- oder Programmierkenntnisse, wodurch sie auf derartig unterstützende Tools angewiesen sind. So können sie mit Low-Code-Plattformen beispielsweise auf sehr einfachem Weg Applikationen nach dem Baukastenprinzip erstellen. Als Endnutzer und Experten ihres Fachbereichs kennen sie die Prozesse sowie die Anforderungen innerhalb ihrer Abteilung und sind damit prädestiniert für die Entwicklung kontextrelevanter Softwarelösungen.

Citizen Development vs. Schatten-IT

Technisch versierte Mitarbeiter, die eigenständig Lösungen für ihren Fachbereich entwickeln, sind nicht neu. Oftmals wurden derartige Anwendungen jedoch ohne das Wissen und die Unterstützung der IT-Abteilung umgesetzt. Beschafft, entwickelt oder betreibt ein Mitarbeiter oder eine ganze Fachabteilung Software autonom, spricht man von Schatten-IT. Ohne Kenntnis und Kontrolle durch die IT-Abteilung existieren diese inoffiziellen Zweitsysteme neben der eigentlichen IT-Infrastruktur und genügen deshalb oft nicht den organisatorischen Anforderungen hinsichtlich Kontrolle, Dokumentation, Sicherheit und Zuverlässigkeit.

Bei Citizen Development ist das etwas anders. Dadurch, dass die IT-Abteilung den Fachbereichen eine standardisierte Umgebung für die Applikationsentwicklung verfügbar macht, werden die Anwendungen auf einer einheitlichen technologischen Basis entwickelt. Sie sind also von Anfang an Teil der offiziellen IT-Infrastruktur des Unternehmens. Das Unternehmen profitiert auf diese Weise von der Eigeninitiative und Innovationen der einzelnen Fachbereiche. Darüber hinaus lässt sich die Umsetzung nutzerentwickelter Lösungen dennoch kontinuierlich und zentral durch die IT-Abteilung überwachen. Die dokumentierten Applikationen funktionieren außerdem zuverlässig und erfüllen alle sicherheitstechnischen Anforderungen.

Citizen Developer gegen den IT-Fachkräftemangel

Nicht zu unterschätzen ist auch die Bedeutung der Citizen Developer für die digitale Transformation. So verkürzt sich durch den Einsatz dieser Fachbereichsentwickler der Weg von der Idee bis zur fertigen Anwendung. Da sie vom Fach sind, verstehen sie die Probleme, Aufgaben, Ziele und Prozesse ihrer Abteilung. Sie können bei Bedarf sofort eigenständig Applikationen erstellen.

Darüber hinaus gibt es in den Firmen weit mehr potenzielle Citizen Developer als professionelle Softwareentwickler. Und fehlende IT-Kapazitäten sind ein Show-Stopper für die Digitalisierung von Unternehmensprozessen. Die IT-Abteilung hat nur begrenzte Ressourcen und oft eine lange Liste (Backlog) an noch nicht umgesetzten Lösungswünschen. Doch in der heutigen Welt der SaaS-, Cloud- und Low-Code- sowie No-Code-Tools kann jeder mitentwickeln. Dadurch, dass Citizen Developer unabhängig von den Kapazitäten der IT-Abteilung agieren können, beschleunigen sie die digitale Transformation.

Citizen Development im Aufwind

Den Analysten von Forrester zufolge hat Citizen Development bereits die Experimentierphase überschritten und wird mittlerweile auch Ersetzen von Kernanwendungen eingesetzt. So setzten Ende 2022 schon 39 Prozent der Unternehmen Low-Code ein, um Entwickler außerhalb der IT-Abteilung zu unterstützen. 27 Prozent planen, dies in den nächsten 12 Monaten zu tun.

Dieser Zustrom neuer Entwickler habe jedoch zu einer kritischen Masse von Fachleuten geführt, die sich gerade erst mit Anwendungssicherheit, sicherer Codierung und Datensensibilität vertraut machen, warnen die Analysten. Sie befürchten daher, dass der Einsatz von Citizen Development im Jahr 2023 zu einer weit verbreitete Sicherheitslücke führen wird. Um dies zu vermeiden, müssten Low-Code-Plattform- und IT-Sicherheitsteams zusammenarbeiten, um Rollen zu überprüfen, Leitplanken zu konfigurieren und eine Governance-Richtlinie speziell für Citizen Development zu implementieren.