CIO des Jahres

CIO des Jahres 2016 - Mittelstand - Platz 1

Lohmann CIO Riegel macht die Produktion digitaler

10.11.2016
Von der CW-Redaktion
Jens Riegel ist CIO des Jahres 2016 in der Kategorie Mittelstand. Bis vor Kurzem war er IT-Chef beim Tierimpfstoffehersteller Lohmann Animal Health. Dort bewies er, dass sich auch biologische Prozesse digitalisieren lassen.

Jens Riegel hat bei Lohmann Animal Health mit seinem Projekt "Connect - Collect - Predict" die Produktion digitaler gemacht. Das Unternehmen ist auf Geflügelimpfstoffe und Futterzusätze spezialisiert. Zu deren Herstellung gehören biologische Prozess-Schritte, die ohne digitale Unterstützung schwer vorhersagbar sind. Das frühe Erkennen von Abweichungen und die Einleitung von Korrekturmaßnahmen sind daher die Schlüssel zum Erfolg.

CIO des Jahres 2016: Jens Riegel, bis vor Kurzem CIO von Lohmann Animal Health, ist der Sieger in der Kategorie Mittelstand. Seit August 2016 ist er zuständig für IT Demand, Innovation and Process Management bei Olympus Europa.
CIO des Jahres 2016: Jens Riegel, bis vor Kurzem CIO von Lohmann Animal Health, ist der Sieger in der Kategorie Mittelstand. Seit August 2016 ist er zuständig für IT Demand, Innovation and Process Management bei Olympus Europa.
Foto: G.Kaluschke

Riegel nahm sich vor, fast alle Produktionsanlagen so zu vernetzen, dass ihre Daten sofort erfasst und prognostisch ausgewertet werden könnten, so dass Mitarbeiter gegen Abweichungen, auch in den biologischen Abschnitten der Produktion, früher vorgehen könnten. Auch das Qualitäts-Management, die Logistik und die wichtigsten Rohstofflie­feranten sollten hier einbezogen werden.

Minutiöse Planung

Der Projektteil "Connect" war der Vernetzung gewidmet. Sie war organisatorisch anspruchsvoll, da viele Anlagen in Reinräumen stehen und nur zu festgelegten, sehr knappen Zeiten für die Anschlussarbeiten betreten werden durften. Riegel und seine drei bis, in Stoßzeiten, elf Projektmitarbei­ter mussten minutengenau planen und alle Dienstleister präzise steuern.

Störrische Hersteller

In der Projektphase "Collect" galt es dann, die riesigen Datenmengen auswertbar abzulegen und Algorithmen zu implementieren, die verborgene Korrelationen aufspürten, auf die sich die Prognosen stützen konnten. Von System zu System fallen die Daten in unterschiedlichen Intervallen an. Zudem mussten Riegel und sein Team die Hersteller der Anlagen einbinden. Nicht nur wegen der herstellerspezifi­schen Datenformate hörten sie oft zuerst einmal: "Das geht nicht." Es ging dann doch.

Die dritte Phase, "Predict", bezeichnet Riegel als die spannendste. Schließlich zeigte sich hier, ob Phase eins und zwei ihren Sinn gehabt hatten. Das war der Fall. Abweichungen von Soll-Werten am Anfang der Prozesskette konnten dargestellt werden und entsprechende Korrekturmöglichkeiten aufgezeigt werden.

Für die Interaktion an der Mensch-Maschine-Schnittstelle wurde die Google Glass verwendet, die über mehrere Menüeinträge verschiedene Betriebsszenarien abdecken kann.

Als Nächstes sollen auch Wartungsarbei­ten und Störungsbeseitigungen an Anlagen per Augmen­ted-Reality-Brille gesteuert werden, allerdings mit grafi­schen Anweisungen statt Text und mit Microsoft HoloLens statt mit Google Glass.

Überzeugungsarbeit

Im Fokus des Projektes stand die Erfassung und Kontrolle wichtiger Betriebsdaten. Dort hat sich das Projekt positiv ausgewirkt. So können Compliance Anforderungen aus dem Bereich GMP nun besser erfüllt werden.

Ein Zusatzprojekt stellte sich im Selbstlauf ein: Die vernetzten Anlagen und Systeme mussten auf höherem Niveau gegen Datendiebstahl gesichert werden. Noch nicht abgeschlossen ist die Überzeugungsarbeit auf dem Weg zur Digitalisierung.

CIO-des-Jahres Juror Günther Schuh, Professor an der RWTH Aachen, bescheinigt dem Preisträger, sein Projekt "gegen den Widerstand aus den Fachabteilungen, die eine Prozessoptimierung durch IT für unmöglich hielten", umgesetzt und dem Unternehmen dadurch viel Geld gespart zu haben.
CIO-des-Jahres Juror Günther Schuh, Professor an der RWTH Aachen, bescheinigt dem Preisträger, sein Projekt "gegen den Widerstand aus den Fachabteilungen, die eine Prozessoptimierung durch IT für unmöglich hielten", umgesetzt und dem Unternehmen dadurch viel Geld gespart zu haben.

Riegel ist der Meinung, dass sich die Möglichkeiten der Digitalisierung gerade in der Prozessindustrie besonders positiv auswirken können.

"Hier ist oft viel Überzeugungsarbeit zu leisten und die Fähigkeit gefragt, eine IT-Vision in gut greifbare Beispiele zu übersetzen."

An ihren eigenen Abläufen hat die IT-Abteilung unter Riegels Leitung mit Six Sigma und mit PDCA-Zyklen (Plan, Do, Check, Act) gearbeitet. Damit wollte sie die Qualitäten schärfen, die sie dem ganzen Unternehmen anbietet: Die IT Organisation hat starke Kompetenzen im Bereich Geschäftsprozessanalyse und unterstützt die zentralen Funktionen im Unternehmen dabei, ihre Prozesse zu optimieren.

Seit 2014 gehört Lohmann Animal Health zu Elanco Animal Health, der für Tiergesundheit zuständigen Abteilung von Eli Lilly & Co. aus Indianapolis, Indiana (USA).
Seit 2014 gehört Lohmann Animal Health zu Elanco Animal Health, der für Tiergesundheit zuständigen Abteilung von Eli Lilly & Co. aus Indianapolis, Indiana (USA).
Foto: Eli Lilly and Company

Lohmann mit neuer Mutter

Durch die verteilte IT Organisation waren insbesondere auch sprachliche Herausforderungen zu meistern. Gerade dadurch seien aber die Entwick­lungsmöglichkeiten für Mitarbeiter, die sich bewegen wol­len ("Rotation etc."), sehr gut. Bewegt war auch die jüngere Firmengeschichte: Lohmann Health wurde vor zwei Jahren von dem amerikanischen Pharmaunternehmen Eli Lilly übernommen. Zuvor hatten die Cuxhavener der PHW-Gruppe angehört, deren Einzelfirmen (Wiesenhof) und Subunternehmen nicht immer eine gute Presse hatten. Lohmann SE, 2012 aus Lohmann Health ausgegliedert, ist heute die Dachorganisation der Lohmann-Unternehmen.

Begeisterte Praktiker

Die IT-Abteilung, die mit alledem zurechtgekommen ist, ist überschaubar. Die sehr praxiserfahrenen Juroren Rainer Janßen, Bernd Kuntze und Thomas Henkel, die als ehema­lige Gewinner des "CIO des Jahres" eine gemeinsame Jurystimme hatten, kommentierten: "Nur eine geringe Anzahl verfügbarer Mitarbeiter zu haben und neben einem anspruchsvollen Betrieb ein solches Projekt zu stemmen, verdient großes Lob und einen Platz ganz oben auf dem Podest."