Insolvenzantrag

Gigaset kämpft ums Überleben

20.09.2023
Von 
Hans-Christian Dirscherl ist Redakteur der PC-Welt.
Gigaset geht das Geld aus und das Geschäft mit DECT-Festnetztelefonen reicht dem urdeutschen Unternehmen nicht mehr zum Überleben. Deshalb hat Gigaset einen Insolvenzantrag gestellt.
DECT-Telefone wie das Gigaset Desk 400 werden immer seltener nachgefragt - und gehen auch nicht so häufig kaputt.
DECT-Telefone wie das Gigaset Desk 400 werden immer seltener nachgefragt - und gehen auch nicht so häufig kaputt.
Foto: Gigaset

Gigaset ist ein Urgestein des deutschen Telekommunikationsmarktes - genauso wie AVM, das kurz- oder mittelfristig in neue Hände kommen soll. Doch anders als das boomende AVM hat Gigaset ernste Probleme und hat deshalb beim Amtsgericht Münster einen Insolvenzantrag gestellt. Das teilte das Unternehmen mit Sitz in Bocholt (Nordrhein-Westfalen) jetzt mit.

Dabei hofft Gigaset auf ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Das bedeutet, dass die bisherige Geschäftsführung weiter im Amt bleibt und das Unternehmen leitet und nur ein Sachverwalter als Aufseher eingesetzt wird. Die bisherige Geschäftsführung wird also selbst zum Insolvenzverwalter und hält weiter die Zügel in der Hand, wohingegen bei einem klassischen Insolvenzverfahren ein externer Insolvenzverwalter die Geschäfte des insolventen Unternehmens leitet.

Das Unternehmen schreibt:

Die Entwicklungs-, Produktions- und Vertriebstätigkeiten von Europas Marktführer für DECT-Schnurlostelefone werden unverändert fortgeführt. Ziel ist die nachhaltige Restrukturierung der wirtschaftlichen Basis des Telekommunikationsunternehmens.

Raphael Dörr, SVP Corporate Communications & Investor Relations, Gigaset AG

Mit "Restrukturierung" ist gemeint, dass Gigaset neue Geschäftsfelder findet, auf denen es erfolgreich tätig werden dann. Denn der bisher für Gigaset zu entscheidende Bereich Festnetztelefone verliert immer mehr an Bedeutung, wie Gigaset selbst schreibt: "Gigaset ist es während der letzten Jahre nicht gelungen, den Rückgang im Kerngeschäft mit DECT-Schnurlostelefonen durch die richtigen Weichenstellungen in den neuen Geschäftsbereichen zu kompensieren".

Viele Menschen besitzen überhaupt nicht mehr ein Festnetztelefon und Gigaset muss sich zudem gegen mächtige Konkurrenz wie AVM behaupten, das seine Fritzfon-Reihe wie das neue Fritzfon X6 extrem einfach mit der Fritzbox verbinden lässt.

Angeschlagener Marktführer

Gigaset bezeichnet sich als Europas Marktführer für DECT-Schnurlostelefone und beschäftigt international rund 850 Mitarbeiter. Neben den bekannten DECT-Telefonen bietet Gigaset auch Smartphones auf Android-Basis für Privat- und Geschäftskunden, Cloud-basierte Smart Home-Angebote sowie Geschäftstelefonie-Lösungen für SoHo, KMU und Enterprise Kunden an.

Der Grund

Als Grund für den Insolvenzantrag nennt Gigaset

"im Wesentlichen einen unerwarteten und erheblichen Umsatzrückgang im 2. Halbjahr 2023 und somit eine deutlich unter den Planungen liegende Geschäftsentwicklung bei einer anhaltend und sich weiter zuspitzenden schwachen Nachfrage nach Gigaset-Produkten sowie eine allgemeine Kauf- und Konsumzurückhaltung in Deutschland und Europa mit entsprechenden Auswirkungen auf die Unternehmensliquidität".

Gigaset habe versucht, neues Kapital aufzutreiben, doch die entsprechenden Gespräche blieben bisher ohne Erfolg.

Während Gigaset nun sein Geschäft fortführt, überprüft die Geschäftsführung alle Geschäftsbereich und die Möglichkeit einer "grundlegenden Restrukturierung".

Gigaset ging 2005 aus Siemens hervor. (PC-Welt)