Digitalisierung bei den "Hidden Champions"

Unbekannte Weltmarktführer auf dem Vormarsch

Alexander Freimark wechselte 2009 von der Redaktion der Computerwoche in die Freiberuflichkeit. Er schreibt für Medien und Unternehmen, sein Auftragsschwerpunkt liegt im Corporate Publishing. Dabei stehen technologische Innovationen im Fokus, aber auch der Wandel von Organisationen, Märkten und Menschen.
Die im Verborgenen arbeitenden Weltmarktführer werden durch die Digitalisierung herausgefordert. Ihre Transformation ist kein Selbstläufer.

In der gemeinsamen Studie "Hidden Champions - Champions der digitalen Transformation?" haben IDG Research Services und das Hidden Champions Institute an der ESMT Berlin den Status quo der Digitalisierung in deutschen Unternehmen untersucht. Demnach liegen Hidden Champions in vielen Bereichen vor "normalen" KMU (kleine und mittlere Unternehmen) – aber in einigen Belangen auch hinter den großen Konzernen.

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"Heimliche Gewinner" oder "unbekannte Weltmarktführer" hat Deutschland einige zu bieten, je nach Messlatte dürften es zwischen 1000 und 1500 Hidden Champions sein. Der Begriff kam Anfang der 1990-er-Jahre in Umlauf und beschreibt Unternehmen, die ihren Markt anführen, weniger als fünf Milliarden Euro Umsatz pro Jahr erzielen und dennoch einen relativ geringen Bekanntheitsgrad aufweisen.

Andere Kriterien sind ein überdurchschnittliches Umsatzwachstum sowie maximal 10.000 Mitarbeiter. Die überwiegende Mehrheit dieser "Perlen" ist in der Industrie angesiedelt, vorzugsweise im Maschinenbau oder in der Elektronikbranche. Alle jedoch vereint: Die Digitalisierung macht auch vor ihnen nicht halt.

Wie ticken die "versteckten" Champions in Bezug auf den digitalen Wandel? Dieser Frage hat sich die Studie von IDG Research und dem Hidden Champions Institute an der ESMT Berlin angenommen.
Wie ticken die "versteckten" Champions in Bezug auf den digitalen Wandel? Dieser Frage hat sich die Studie von IDG Research und dem Hidden Champions Institute an der ESMT Berlin angenommen.
Foto: Romas_Photo - shutterstock.com

Analyse der wichtigsten Key Findings

Um die wichtigsten Ergebnisse der Studie zu analysieren, traf sich IDG-Research-Redakteur Simon Hülsbömer nach Abschluss des Projekts mit den Co-Autoren Johannes Habel und Bianca Schmitz vom Hidden Champions Institute zum Gespräch. Sehen Sie hier das Video dazu:

Individuelle Wege finden

In der Studie wurde untersucht, wie es um die digitale Transformation der heimlichen Gewinner bestellt ist. Als Vergleichsgruppen dienten "reguläre" Mittelständler und Big Player. Wichtigste Erkenntnis vorab: Allein aus der Zuordnung zum elitären Zirkel der Hidden Champions auf eine besonders hervorgehobene Position bei der Digitalisierung zu schließen, ist nicht gerechtfertigt.

Erstens ist die Transformation kein Wettlauf mit einem Sieger, zweitens liegen die Kennzahlen von Hidden Champions tendenziell zwischen kleinen und großen Unternehmen, und drittens lassen sich Hidden Champions nicht über einen Kamm scheren. Schließlich ist jede Organisation gefordert, einen individuellen Weg in die digitale Zukunft zu finden.

Dass rund 90 Prozent der Hidden Champions bereits die Phase der frühen Anfänge in der digitalen Entwicklung hinter sich gelassen haben, ist ein gutes Zeichen. Mehr als ein Viertel verfolgt dabei eine detaillierte, knapp die Hälfte orientiert sich an einer groben Digitalisierungsstrategie. Somit haben Hidden Champions einen höheren digitalen Reifegrad als KMU, aber sie liegen deutlich hinter Konzernen zurück.

Gleichstand gibt es bei der Zufriedenheit mit dem Verlauf der Transformation: Insgesamt zufrieden sind 71 Prozent der Big Player und ebenso viele Hidden Champions, jedoch nur knapp 51 Prozent der Mittelständler. Der hohe Wert der Zufriedenheit könnte darauf hindeuten, dass die "Perlen der Wirtschaft" nach dem Motto agieren: "Wenn schon, denn schon".

Fast Follower statt First Mover

Jedoch sehen sich zehn Prozent der Konzerne, aber nur 2,5 Prozent der Hidden Champions laut Studie als "allerbestens für die digitale Zukunft aufgestellt". Untermauert wird die Zurückhaltung - nicht umsonst ist man "Hidden" - durch die Frage nach dem eigenen Selbstverständnis. Demnach bezeichnen sich knapp ein Viertel der Big Player als "First Mover", sechs Prozentpunkte mehr als bei den Hidden Champions.

Diese machen hingegen unter den "Fast Followern" die Mehrheit aus, deren Mantra lautet: "Wir sind nicht Pioniere der digitalen Transformation, verlieren aber keine Zeit." So punkten sie folgerichtig bei den zentralen Handlungsfeldern der digitalen Transformation: Hier ist die IT für Hidden Champions am wichtigsten, ebenso die Digitalisierung der Bereiche Vertrieb, Fertigung, Marketing sowie Forschung & Entwicklung. In diesen kritischen Feldern ist der Druck zum Wandel teils deutlich höher als bei Konzernen und KMU.

Diese Haltung zeigt sich ebenfalls beim Kundenfokus - ein Thema, das auf der Digitalisierungs-Agenda traditionell weit oben rangiert. In der Frage nach den kundenseitigen Prozessen als zentrale Handlungsfelder des Wandels liegen Hidden Champions leicht vor den Big Playern und teils deutlich vor den KMU. Das bezieht sich vor allem auf die Nutzung und den Kauf ihrer Produkte oder Services.

Die Einbindung der Kunden in die Transformation wird hingegen von Konzernen mit stärkerem Nachdruck verfolgt. Daumenregel: Je größer das Unternehmen, desto enger ist die umfassende Absprache mit Kunden für die Digitalisierung. Gerade der Kundenfokus ist jedoch eine traditionelle Stärke der Hidden Champions, und es ist notwendig, die starke Bindung auch in der digitalen Welt zu gewährleisten.

Herausforderungen für Hidden Champions

Allerdings gibt es auf dem Weg zur Digitalisierung ein paar Stolpersteine für die verdeckten Marktführer. In technologischer Hinsicht bemängeln immerhin 31 Prozent von ihnen die fehlende Möglichkeit, Daten auszuwerten. Konzerne und KMU kommen hier gerade einmal auf 18 beziehungsweise 19 Prozent. Zudem zählen relativ viele Hidden Champions die fehlende (interne) Offenheit zu den organisatorischen Herausforderungen. Laut Studie klagen 42 Prozent über stark ausgeprägtes Silodenken und treiben den Durchschnitt in die Höhe. Zum Vergleich: KMU kommen auf lediglich 23 Prozent, Big Player auf 28 Prozent.

Schaut man auf Maßnahmen zum Aufbrechen von Silos, um mittelbar Innovationen zu entwickeln, deutet sich ein Verweilen in der Komfortzone an: Lediglich jeder vierte Hidden Champion investiert in Co-Working Spaces, gegenüber 45 Prozent der Big Player. Und bei Methoden wie Jobrotation oder Jobshadowing sind Hidden Champions gerade einmal Durchschnitt. Erschwerend hinzu kommt eine gering ausgeprägte Bereitschaft zur Veränderung in kultureller Hinsicht, die immerhin von 54 Prozent der Befragten genannt wird.