Automation der Human Resources

Blockchain im Personalwesen

08.01.2019
Von 
Michael Grotherr ist seit 2017 Vice President Central Europe bei Cornerstone OnDemand und arbeitet von München aus. Grotherr verfügt über umfassende Branchenkenntnisse und detailliertes Wissen in den Bereichen Strategic Leadership, Unternehmensentwicklung und Human Capital Management.
Blockchain ist dabei, die Art und Weise zu revolutionieren, wie wir unsere Geschäfte abwickeln – auch im Personalmanagement; zumindest wird das seit zwei Jahren behauptet. Doch bisher ist von der neuen Technologie wenig zu merken. Sie kommt fast ausnahmslos im Finanzwesen oder im Energiemarkt zum Einsatz. Inwieweit wird Blockchain also die Personalarbeit beeinflussen?
  • Blockchain bietet zwar die Technologie, das Personalmanagement zu unterstützen, stößt bisher aber nur auf wenig Gegenliebe der Arbeitnehmer.
  • Die Blockchain-Technologie ist in der Lage, sowohl Lebensläufe der alten Schule wie auch Websites für Karriere-Netzwerke wie Xing oder LinkedIn überflüssig zu machen.
  • Aufgrund des Datenschutzes und der mangelnden Nutzerfreundlichkeit ist davon auszugehen, dass nur eine Minderheit Daten in die Blockchain übertragen wird.

Das dezentrale Computernetz von Blockchain prüft und automatisiert den Informationsfluss. Dies macht es in der Tat zu einem zuverlässigen System, das Daten speichert und gleichzeitig den Zwischenhändler bei Transaktionen ausschaltet. Die neue Technologie erhöht somit die Fälschungssicherheit gegenüber bestehenden Systemen. Langfristig könnte dies auch die Arbeitswelt beeinflussen. Unternehmen wie IBM setzen bereits darauf, dass in Zukunft mit der Blockchain der automatisierte Handel von Energie und die Flexibilität von Verbrauchersystemen organisiert werden soll. Dank moderner Datenanalyse- und Optimierungsfunktionen ermöglicht die Technologie die automatisierte Ausführung rechtsverbindlicher Transaktionen, in deren Folge die physikalische Lieferung erfolgt.

Als Technologieplattform kann Blockchain Informationen auf extrem sichere Weise verifizieren und eröffnet damit auch direkte Anwendungsmöglichkeiten für das Personalwesen, insbesondere für die Personalführung und -beschaffung.
Als Technologieplattform kann Blockchain Informationen auf extrem sichere Weise verifizieren und eröffnet damit auch direkte Anwendungsmöglichkeiten für das Personalwesen, insbesondere für die Personalführung und -beschaffung.
Foto: LeoWolfert - shutterstock.com

Bislang handelt es sich in den meisten Fällen noch um Leistungen wie Strom. Doch Experten sehen auch Vorteile für andere Geschäftsfelder gegenüber konventionellen Verfahren. Neben dem erwähnten dezentralen Energiehandel prognostizieren sie auch Kostenvorteile und Qualitätssteigerungen bei Abrechnungs- und Zertifizierungsprozessen wie zum Beispiel im Recruiting. Das ist zumindest die Zukunft, die uns in Aussicht gestellt wird. Doch selbst auf dem Finanzmarkt, wo die Blockchain erschaffen wurde und zu Hause ist, hat es noch nicht den großen Durchbruch gegeben. Viel mehr als Nischenprodukte und Pilotprojekte gibt es derzeit nicht. Stellt sich also die Frage, inwiefern Blockchain Einfluss auf die Personalarbeit nehmen könnte.

Werden Lebensläufe und LinkedIn hinfällig?

Es mag sich heute noch ein wenig abwegig anhören, aber die Blockchain-Technologie ist durchaus in der Lage, sowohl Lebensläufe der alten Schule wie auch Websites für Karriere-Netzwerke wie Xing oder LinkedIn überflüssig zu machen. Ähnlich wie auf solchen Seiten wird die Nutzung von Blockchain alle beruflichen Stationen eines Kandidaten speichern - ein klassisches Bewerbungsanschreiben wäre somit überflüssig. Es wäre also kein langwieriger Verifizierungsprozess mehr erforderlich, bei dem HR-Büros Referenzen zur Bestätigung des Karrierepfads der Bewerber anfordern müssten. Sie könnten einfach auf die öffentliche Blockchain zugreifen, wo sogar Leistungsindikatoren gespeichert werden könnten, zum Beispiel, ob der Bewerber in seinem alten Job befördert wurde oder aus welchem Grund er das Unternehmen verlassen hat.

Blockchain hätte demnach das Potenzial, die zeitraubende Identitätsprüfung überflüssig zu machen. Die Kandidaten müssten keine langen Genehmigungsformulare mehr ausfüllen und Unternehmen könnten die Identitätsprüfung automatisch organisieren. Auch im Einstellungsverfahren soll die Technologie zum Einsatz kommen, wenn es darum geht, den dokumentenstarken Ablauf zu ersetzen und für größere Volumina und Umschlagspositionen zu rationalisieren. Rekrutierung, Arbeitsvertrag, Vergütung, Steuerverpflichtungen etc. ließen sich so unter einen Hut bringen. Denn was die Identitätsverifizierung anbelangt, haben öffentliche Verwaltungen gegenüber Banken und Universitäten noch eine Monopolstellung. Personalabteilungen sind auf diese Dienste angewiesen, doch eine derartige Verifizierung könnte zukünftig auch über die Datenbankarchitektur der Blockchain ausgeführt werden. So könnte zum Beispiel die Echtheit von Noten und Zeugnissen gewährleistet werden, gleichzeitig würden zusätzliche Kosten und bürokratische Abläufe wegfallen. Ist dies also ein realistisches Szenario? Ja, aber mit Abstrichen!

Möglicher Einfluss auf das Recruiting

Als Technologieplattform kann Blockchain tatsächlich wichtige Informationen von Geburtsurkunden bis hin zu Steuererklärungen speichern. Und indem sie diese Informationen auf extrem sichere Weise verifiziert, eröffnet die Blockchain auch direkte Anwendungsmöglichkeiten für das Personalwesen, insbesondere für die Personalführung und Personalbeschaffung - allesamt Bereiche, die auf die Verifizierung von Informationen angewiesen sind und so ohne Zwischenhändler auskommen könnten. Allerdings ist hier der Datenschutz zu beachten, denn gerade was die Nutzung personenbezogener Daten angeht, müssen Unternehmen in Deutschland sehr genau aufpassen. Und selbst wenn die Personen der Speicherung dieser Daten zustimmen, ist nicht davon auszugehen, dass Blockchain in naher Zukunft Portale wie Xing ersetzen wird.

Portale wie LinkedIn sind schließlich attraktiv und nutzerfreundlich - anders als bei der abstrakten Blockchain, wo es (bisher) keine Oberfläche und Navigationsseite gibt sowie keine Möglichkeit, sein Profil optisch aufzupeppen und zu individualisieren. Zudem sind selbst heutzutage bei Weitem nicht alle Arbeitnehmer auf Xing, LinkedIn oder anderen Karriereplattformen registriert, sondern nur ein kleiner Teil digital affiner Menschen. Aufgrund des Datenschutzes und der mangelnden Nutzerfreundlichkeit ist eher davon auszugehen, dass nur eine verschwindend kleine Minderheit ihre Daten in die Blockchain übertragen wird. Ferner ziehen die meisten Bewerber immer noch eine E-Mail-Bewerbung den Profilen von LinkedIn vor.

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Lohnzahlungen über Kryptowährungen

Das besondere an der Blockchain ist natürlich auch ihre Zahlungsabwicklung über Kryptowährungen wie Bitcoin. Unternehmen zeigen sich mittlerweile interessiert und gehen dazu über, Teillohnzahlungen in Bitcoin anzubieten. Plattformen wie Bitwage machen es möglich. Konzerne wie Netflix und Airbnb nutzen bereits das Angebot. Denn durch die hohe Transparenz und Transaktionsgeschwindigkeit sind Kryptowährungen äußerst attraktiv, insbesondere für die stetig wachsende Zahl von Freiberuflern sowie für Peer-to-Peer-Zahlungen. Das anfänglich belächelte Experiment im Internet hat vielen bereits hohe Gewinne beschert.

Es hat aber auch aufgrund der starken Schwankungen (nicht nur in jüngster Zeit) dafür gesorgt, dass manch einer nach heutigem Kurs Tausende Euro für ein Schnitzel mit Pommes ausgegeben hat. So verteilen sich, wie bei allen Spekulationsgeschäften, Glück und Pech einigermaßen gleichmäßig auf diejenigen, die mitmischen. Dass dieses Bezahlmodell in der breiten Masse der Unternehmen bald Anwendung findet, ist jedoch recht unwahrscheinlich.

Dafür ist allein der Kursverfall in letzter Zeit zu groß und die steuerrechtliche Handhabung noch zu ungeregelt. Zudem ist der Markt im Verhältnis zu anderen Währungen sehr klein und dadurch leichter manipulierbar. Dies könnte sich jedoch durch eine erhöhte Akzeptanz der breiten Masse ändern. Derzeit wirken sich die starken Kursschwankungen noch erschwerend auf die Entwicklung von Kryptowährungen aus. Unternehmen wie Microsoft gehen deshalb immer mal wieder dazu über, Zahlungen für Produkte und Services mit Bitcoins zu untersagen. Und weil sich Kryptowährungen auf dem Schwarzmarkt und im Untergrund höchster Beliebtheit erfreuen, gehen auch erste Länder mittels Handels- und Tauschverboten gegen diese vor.

Es bleibt also festzuhalten, dass Blockchain zwar die Technologie bietet, das Personalmanagement zu unterstützen, aber nur auf wenig Gegenliebe der Arbeitnehmer stößt. Die mitteleuropäischen Personaler sind häufig noch sehr konservativ eingestellt; auch von dieser Seite dürfte es lange dauern, bis man sich mit Blockchain überhaupt beschäftigt, geschweige denn die Technologie voll ausschöpft.